
Drei Jahre ist es her, seit der Konflikt zwischen zwei Generälen im Sudan eskalierte. Drei Jahre seit dem 15. April 2023.
Drei Jahre blutiger Krieg. Drei Jahre Angst. Drei Jahre Flucht.
Es ist die größte humanitäre Katastrophe der Welt. Fast 12 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Mehr als 20 Prozent der gesamten Bevölkerung.
Rund 33 Millionen Menschen im Land sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Hunderttausende fiehen in Nachbarländer wie den Tschad, Südsudan und Ägypten. Und auch nach Libyen, wo viele Geflüchtete unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und ebenfalls Gewalt fürchten müssen.
Fast sieben Millionen Sudanes:innen sind Binnengeflüchtete im eigenen Land.
Wer fliehen kann, flieht. Die Wege sind gefährlich, Städte zum Teil eingekesselt. Immer wieder gibt es Berichte von Erschießungen, Vergewaltigungen. Von Kindern, die allein versuchen, zum nächsten Geflüchtetencamp zu kommen.
Von Kindern, die es nicht schaffen und einfach verschwinden.
Ende vergangenen Jahres haben US-Forschende der Universtität Yale Satellitenbilder mit Blick auf die sudanesische Stadt Al-Faschir untersucht. Darauf zu sehen: riesige Blutlachen. Selbst aus dem Weltraum ist die Tragödie im Sudan sichtbar.
Mitarbeitende der Vereinten Nationen führten ebenfalls Ende 2025 140 Interviews mit Menschen im Norden des Sudans und im Osten des Tschads. Sie alle waren Zeug:innen, Betroffene, Überlebende der Kämpfe in Al-Faschir.
Auf Grundlage der Interviews dokumentierten die Vereinten Nationen rund 6.000 Tote. Mindestens 4.400 Menschen in Al-Faschir selbst, mehr als 1.600 auf den Fluchtwegen. Die tatsächliche Zahl der Toten wird höher geschätzt.
Der Bericht der Vereinten Nationen ist schwer zu ertragen. Er enthält Massenmorde, Hinrichtungen, Entführungen, Misshandlungen. Und immer wieder schwere sexuelle Gewalt.
Viele Frauen berichten von Vergewaltigungen. Fatima Ahmed kämpft für die Rechte der Frauen im Sudan. Sie ist Gründerin und Präsidentin von Zenab for Women in Development, einer Partnerorganisation von CARE. Im Gespräch mit CARE sagt sie:
Dieser Krieg wird auf den Körpern der Frauen ausgetragen.
Fatima Ahmed
Drei Jahre dauert der Konflikt, von dem viele Sudanes:innen gehofft hatten, er möge schneller vorbei sein. Doch Frieden ist nicht in Sicht.
Im April 2023 eskaliert ein seit mehreren Jahren schwelender Machtkampf zwischen zwei Generälen im Sudan. Anfangs gab es vor allem in der Hauptstadt Khartum schwere Gefechte. Inzwischen ist die Lage zunehmend unübersichtlich, die Kämpfe erstrecken sich über weite Teile des Landes. Viele der bewaffneten Auseinandersetzungen finden in und rund um Wohngebiete statt. Menschen harren in ihren Häusern aus, ihnen fehlen Lebensmittel, sauberes Trinkwasser und Medikamente.
Schon vor dem aktuellen Konflikt war die politische Lage im Sudan instabil. 2019 wurde der langjährige Machthaber Omar al-Baschir durch einen Militärputsch abgesetzt. Zuvor hatte es monatelange Proteste gegeben.
2021 kam es zu einem weiteren Putsch. Seitdem herrschen der Militärgeneral Abdel Fattah al-Burhan und sein Vize Mohammed Hamdan Daglo, auch als Hemeti bekannt. Dieser führt die Rapid Support Forces (RSF) an, eine paramilitärische Gruppierung. Eine zivile Regierung sollte eingerichtet und freie Wahlen abgehalten werden, doch stattdessen eskalierte der Machtkampf zwischen RSF und Militär am Morgen des 15. April 2023.
Auch für die Helfer:innen ist die Lage schwierig, teils gefährlich. Trotzdem geben sie alles, um den Menschen Nothilfe zu leisten.
Der wichtigste Teil unserer Nothilfe: lokale Helfende. Unsere Bündnisorganisationen haben lokale Partner vor Ort. Sie kennen sich aus, kennen die Menschen, die Gemeinden und wissen, was gebraucht wird.
Und sie können Risiken abschätzen.
Schutz und Hilfe für Frauen und Mädchen
Unsere Bündnisorganisation CARE ist an verschiedenen Orten im Sudan und auch im Südsudan aktiv, um die Geflüchteten zu versorgen, Nothilfe und psychosoziale Unterstützung zu leisten. Bei ihrer Arbeit kommen die Helfenden immer wieder mit Frauen in Kontakt, die Traumatisches erlebt haben.
So wie Sadia. Sie ist mit ihren sieben Kindern aus Süd-Kordofan geflohen. Ihr Zuhause ist jetzt eine provisorische Konstruktion aus Stoff und Stöcken, die mit alten Kabeln zusammengehalten wird.
Was mir vom Beginn des Krieges am meisten in Erinnerung geblieben ist, sind die Schreie der Kinder. Als die Bomben auf die Häuser in meinem Dorf fielen, nahm ich meine Kinder und rannte auf die Felder. Ich hielt die Augen meines Jüngsten zu, als ich ihn in meinen Armen trug, und sagte den anderen Kindern, sie sollten sich die Augen zuhalten und nur auf ihre Füße schauen, damit sie die Leichen auf der Straße nicht sehen würden. Ich habe sie gesehen. Ich habe jede einzelne von ihnen gesehen.
Sadia
Jetzt ist Sadia in Port Sudan und tut, was sie kann. Sie kocht Essen und verkauft es auf der Straße.
„Seit CARE hier ist, haben wir Zugang zu sauberem Wasser. Das ist eine Belastung weniger für uns, und wir sind jetzt weniger krank“, sagt sie.
Triggerwarnung für die Bildergalerie: Berichte über Gewalt und sexuelle Gewalt
"Wir sind wegen der Bomben geflohen. Als die Bombardierungen begannen, schliefen wir unter den Betten und aßen unter dem Tisch. Meine Kinder haben immer noch Angst, wenn sie Flugzeuge am Himmel hören, und schreien, dass sie sterben werden. Ich habe gesehen, wie meinem Onkel auf der Straße in den Kopf geschossen wurde. Er hatte das Haus nur verlassen, um Essen für uns zu besorgen. Ich habe gesehen, wie Männer elfjährige Nachbarsmädchen ins Haus gezogen haben, und ich habe gehört, wie sie vergewaltigt wurden. Ich habe die Mädchen schreien und kämpfen gehört. Dann das Lachen der Männer, als sie gingen. Danach war es still, bis man nur noch leises Weinen hören konnte." - Rudia, lebt mit ihren 3 Söhnen nach ihrer Flucht in einem Camp in Port Sudan
"Ich war gerade beim Kochen, als der Krieg begann. Ich erinnere mich an die Schüsse und Schreie und daran, wie die Menschen um ihr Leben rannten. Ich wusste sofort, was los war, wir hatten die Geschichten aus Khartum und Darfur gehört, und mein erster Gedanke war, meine Mädchen zu beschützen. Ich schrie sie an, sie sollten weglaufen, egal wohin, aber sie weigerten sich, ohne mich zu gehen." - Nada, Mutter von fünf Kindern, entkam selbst nur knapp einer Vergewaltigung und versucht nun, mit kleinen Jobs in Port Sudan zu überleben
Es war ein Samstagmorgen, als der Krieg begann. Es war Ramadan, also arbeitete ich. Ich war auf dem Markt. Dann sah ich dichten Rauch und hörte die ersten Explosionen. Ich rannte los und ließ alles fallen, was ich gerade gekauft hatte. Die Menschen auf der Straße rannten in völliger Panik um ihr Leben. Die Schulen wurden sofort geschlossen. Und dann kamen bewaffnete Männer, um meinen Mann mitzunehmen. Sie schlugen ihn brutal. Sie schlugen uns beide vor den Augen der Kinder und schossen in die Decke. Dann nahmen sie ihn mit, und ich wusste nicht, was mit ihm passiert war. Ein Jahr lang hatte ich Angst, dass er tot sei, aber er wurde gefangen gehalten. Das war die dunkelste Zeit meines Lebens." - Alradia, floh mit ihrer Familie nach Port Sudan, nachdem sie sieben Monate der Belagerung in ihrer Heimatstadt Khartum überlebt hatte
"Mein Mann transportierte Waren. Wir lebten friedlich und hatten ein gutes Einkommen. An dem Tag, als der Krieg begann, war mein Mann bei der Arbeit, und ich war allein mit meinen Söhnen zu Hause. Da kamen drei bewaffnete Männer herein. Sie suchten nach Autos zum Stehlen. Einer der Männer rief: ‚Ich habe kein Auto gefunden, aber ein hübsches Mädchen.‘ Dann schrie er mich an, dass er mich mitnehmen würde. Ich sagte meinem älteren Sohn, er solle seinen kleinen Bruder nehmen und fliehen. Ich lenkte den Mann ab, indem ich ihn anschrie, dass er mich lieber erschießen solle. Dann versuchte er, mich zu vergewaltigen. Er stieß und zog mich und kratzte mich mit seinen Fingernägeln am Hals. Ich konnte mich befreien und rannte zu den Nachbarn." - Fatima (Name geändert), floh mit ihren Söhnen in den Osten des Sudans und lebt dort in einer Notunterkünft, die von CARE unterstützt wird
Trainings für das Personal, das noch da ist
Der Krieg sorgt auch dafür, dass die Gesundheitsversorgung im Land nicht oder nur noch unzureichend vorhanden ist.
Kliniken sind zerstört, Ausrüstung fehlt, ebenso das Fachpersonal. Viele Ärzt:innen und Pfleger:innen sind inzwischen selbst auf der Flucht.
Ein Team von Malteser International war in der Hafenstadt Port Sudan, um Trainings für das verbliebene Gesundheitspersonal anzubieten.
So wie Layla, 28 Jahre alt, die als Krankenschwester Menschen helfen möchte. Aufgewachsen ist sie in der Hauptstadt Khartum, dort studierte sie Sozialwissenschaften. Wegen des Krieges floh sie nach Port Sudan.
Mein Vater sagte zu mir: ‚Geh nach Port Sudan. Ich bin alt, ich habe keine Kraft mehr dafür. Du musst gehen. Versuch, uns zu helfen und in Sicherheit zu sein.‘ Deshalb bin ich hier.
Layla
Im Video berichtet sie, wie sie den Anfang des Krieges in ihrer Heimat erlebt hat.
In der Hafenstadt Port Sudan nahm sie an den Trainings der Malteser teil und macht nun eine Ausbildung zur Krankenschwester.
Ahmed ist Arzt und hat auch am Training der Malteser teilgenommen. Zu seiner Situation und zur Lage in seiner Heimat erzählt er:
Auch Mariam hat als Ärztin an den Trainings teilgenommen. Sie sagt:
Mit dem sudanesischen Partner LM sind die Malteser zusätzlich im Land aktiv. Die Helfer:innen leisten den Menschen gezielte Nothilfe, wie Marwan Adinsa, Regionalleiter bei LM, im Video berichtet:
Hilfe für Geflüchtete im Tschad
Djadah wird den 10. Juni 2023 nie vergessen. Bewaffnete Gruppen der Rapid Support Forces überfielen ihr Haus in ihrer Heimat El-Geneïna, im Westen der Darfur-Region.
Zehn ihrer Verwandten starben an dem Tag. Auch ihr Ehemann, der vor ihren Augen erschossen wurde. Djadah floh in Panik mit ihrem Baby und verlor dabei ihre anderen beiden Söhne Nazar und Adam aus den Augen.
Sie war verletzt und schaffte es irgendwie zur Grenze des Tschads. Immer wieder bekam sie Hilfe von Fremden, die selbst auf der Flucht waren. Im Abéche-Geflüchtetencamp wurde sie medizinisch behandelt.
Und sie fand ihre Söhne wieder.
Nach sechs Wochen Behandlung hatte ich das große Glück, meine beiden Söhne wiederzufinden! Ich war so froh, dass auch sie es bis nach Tschad geschafft hatten.
Djadah
Heute lebt sie mit ihrem Baby, den beiden Söhnen und Tausenden anderen Sudanes:innen im Farchana-Geflüchtetencamp im Tschad.
Dort bekommt Djadah sowohl eine Physiotherapie als auch psychosoziale Unterstützung von Helfer:innen unserer Bündnisorganisation Hanidcap International.
Zuflucht im Südsudan
Boro Medina ist ein inoffizielles Geflüchtetencamp. Das bedeutet: Die Menschen sind oft nicht registriert, es gibt keine Versorgung, keine Infrastruktur, die Behausungen sind notdürftig. Der Weg zur nächsten Wasserquelle ist oft lang.
In der Nähe gibt es illegale Minen, die Arbeit ermöglichen. Die Geflüchteten, aber auch die Südsudanes:innen sind um diese Einkommensmöglichkeit in Konkurrenz. Illegale Betreiber beuten die Menschen aus.
Ich habe Frauen getroffen, deren Fluchtgeschichten von brutaler Gewalt geprägt sind. Sie sind schwer traumatisiert. Im Flüchtlingslager kämpfen sie, trotz vermeintlicher Sicherheit, weiterhin tagtäglich ums Überleben: leere Teller, nicht genug Wasser, Kinder ohne Schule und keine Aussicht auf medizinische oder psychosoziale Hilfe. Diese Menschen dürfen wir nicht vergessen.
Birte Kötter, Kommunikationsreferentin bei den Johannitern
Die Johanniter betreiben mehrere Ernährungsstationen in Gesundheitseinrichtungen in der Provinz Raja im Südsudan. Eine davon ist in Boro Medina. Viele Kinder sind mangel- oder unterernährt.
Seit er neun Monate alt ist, ist Mohammad im Ernährungsprogramm der Johanniter. Der kleine Junge lebt mit seiner Mutter Wissad und seinen beiden älteren Geschwistern Mutisim und Maah in Boro Medina.
Dank der Behandlung und der Unterstützung hat Mohammad zugenommen: von 2,5 auf 5,7 Kilogramm. Einmal pro Woche geht Wissad mit ihrem Sohn zu Kontrolluntersuchungen.
Wasser, Sanitärversorung, Hygiene
arche nova ist gemeinsam mit dem sudanesischen Partner HOPE im Einsatz. HOPE ist in Gadaref im Ostsudan gut verankert, verfügt über erfahrenes Personal und pflegt enge Beziehungen zu den lokalen Behörden und Gemeinden. Dadurch konnte das Projekt zügig starten.
Weiterlesen: Warum ist Lokalisierung wichtig?
Die Helfer:innen versorgen Familien mit Hygieneartikeln, die sie dringend brauchen, darunter auch Menstruationsprodukte für Mädchen und Frauen.
Auch die Verbesserung der sanitären Infrastruktur ist Teil der Hilfe: Latrinen werden gereinigt und desinfiziert, Reinigungsaktionen in den Unterkünften organisiert und Abfall fachgerecht entsorgt. Die Maßnahmen werden eng mit den lokalen Gesundheitsbehörden abgestimmt, um Überschneidungen zu vermeiden.
Das tägliche Leben ist unsicher, und viele Menschen können sich und ihre Familien kaum mit dem Nötigsten versorgen. Die größte Herausforderung besteht nicht nur im Ausmaß der Not, sondern auch in der Schwierigkeit, die Menschen sicher und kontinuierlich zu erreichen. Was der Sudan dringend benötigt, ist ein nachhaltiger Zugang für Hilfsorganisationen, der Schutz der Zivilbevölkerung sowie stärkere internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung.
Mohamed Eisa, Junior-Länderreferent Ostafrika bei arche nova
Unser Bündnis ist jeden Tag im Einsatz. Helfer:innen unserer Bündnisorganisationen und deren lokale Partner sind im Sudan und den umliegenden Ländern und retten Leben.
Mit Ihrer Hilfe:
Nicht nur die Gefahren des Krieges, auch die weltweiten Mittelkürzungen in der humanitären Hilfe erschweren die Arbeit zunehmend.
Längst mussten Hilfsprogramme gestoppt werden.